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Charlie Cunningham im Interview

Charlie Cunningham im Interview

Man sollte mittlerweile meinen, dass sich das Genre Singer-Songwriter etwas totgelaufen hat. Noch ein Künstler, der nur mit Stimme und Gitarre betören will. Und dann hört man Charlie Cunningham, der mit einer wunderbaren Intensität in der Stimme und einer außergewöhnlichen Art Gitarre zu spielen daherkommt. In seiner Heimat England hat sich der extrem sympathische Engländer mit drei EPs schon einen veritablen Ruf erarbeitet.
Mit seinem Debütalbum „Lines“ und einer Tour quer durch Deutschland findet er hoffentlich auch hier Gehör. Wer so schöne Musik macht, hat es verdient. Da sich am Tag unseres Interviews mal wieder die Brexit Meldungen überschlagen, sind wir mit einem eher harten Thema in unser Interview eingestiegen, dass eigentlich so gar nicht zu Charlies Musik passt, diese aber leider doch auf die ein oder andere Art beeinflusst.

Man sollte mittlerweile meinen, dass sich das Genre Singer-Songwriter etwas totgelaufen hat. Noch ein Künstler, der nur mit Stimme und Gitarre betören will. Und dann hört man Charlie Cunningham, der mit einer wunderbaren Intensität in der Stimme und einer außergewöhnlichen Art Gitarre zu spielen daherkommt. In seiner Heimat England hat sich der extrem sympathische Engländer mit drei EPs schon einen veritablen Ruf erarbeitet.
Mit seinem Debütalbum „Lines“ findet er hoffentlich auch hier Gehör. Wer so schöne Musik macht, hat es verdient. Da sich am Tag unseres Interviews mal wieder die Brexit Meldungen überschlagen, sind wir mit einem eher harten Thema in unser Interview eingestiegen, dass eigentlich so gar nicht zu Charlies Musik passt, diese aber leider doch auf die ein oder andere Art beeinflusst.

Was sagst du zu der aktuellen Brexit Diskussion? Was habt ihr Engländer da bloß getan?

Ich kann es immer noch nicht fassen, wie das passieren konnte. Das macht einen echt fassungslos. Man muss jetzt irgendwie einen Weg finden, damit umzugehen. Das Pendel wurde in Bewegung gebracht, ich hoffe daraus entsteht auch eine Gegenbewegung. Bei jeder Reaktion gibt es eine Gegenreaktion.  Das ist meine Hoffnung.

Glaubst du, dass dadurch deine Arbeit als Künstler erschwert wird. Zum Beispiel das Touren?

Ja, absolut. Das wird alles nicht einfacher. Wir ahnen glaube ich noch gar nicht, wo und wie uns das Leben in Zukunft erschwert wird.

Wird auch dein Song schreiben dadurch beeinflusst werden?

Ja, das wird es ganz sicher. Nicht bewusst wahrscheinlich, aber so etwas bewegt einen ja und beeinflusst einen Tag täglich. Das wird sich dann sicherlich in irgendeiner Form auch in meinen Songs ausdrücken. Es verändert die eigene Stimmung und die Art, wie man auf die Welt blickt. Also zumindest indirekt wird es mitschwingen.

Du veröffentlichst Ende Januar deine erste Platte. Hast Du eine Party für den Erscheinungstag geplant?

(lacht) Nein, ich habe gar nichts geplant, obwohl das schon ein aufregender Tag ist. Ich werde wohl etwas essen gehen und einige Bier trinken, aber nichts Großes. Wie ich die CDs das erste Mal in der Hand hatte, war es etwas Besonderes. Es ist so ein langer Prozess und plötzlich ist es fertig und du hältst etwas physisch in der Hand.

Wie lange hast du an dem Album gearbeitet?

Es hat ein paar Monate gedauert. Immer wenn zwischendurch Zeit war, zwischen Auftritten, haben wir aufgenommen. Insgesamt hat es vielleicht fünf Monate gedauert.

Das ist recht schnell.

Ja, ich hatte die ganzen Songs schon fertig geschrieben, bevor wir ins Studio gegangen sind.  Wir haben dann im Studio die ganze Magie darübergelegt, die die Songs zu etwas Besonderem machen und zum Leben erwecken.

Du hast vorher drei EPs veröffentlicht. Bist du an das Album anders rangegangen?

Ich glaube die drei EPs haben mir geholfen meinen Stil zu finden und auch zu sehen, wie es ist die Songs auf Tour zu spielen. Danach habe ich mich für dieses Album total bereit gefühlt. Meine dritte EP fand ich am schwierigsten, da ich ziemlich müde war vom vielen Touren. Aber als Reaktion darauf habe ich mich besonders gut auf die Platte vorbereitet. Es ist auch aus einem Flow entstanden. Vor einem Jahr an Silvester habe ich über gemeinsame Bekannte meinen Producer kennen gelernt. Wir haben uns so gut verstanden, da haben wir direkt versucht zusammen einen Song auf zu nehmen. Dabei kam der Song „An Opening“ raus. Da haben wir gemerkt, dass es super mit uns funktioniert und beschlossen, die Platte zusammen zu machen. Und ziemlich genau ein Jahr später ist sie jetzt da.

Hast Du einen Lieblingssong auf dem Album oder sind das alles deine Babys, die du gleichermaßen liebst?

(lacht) Ja, ich mag sie alle und ich glaube auch sie brauchen sich untereinander um dem Album einen Kontext zu geben. Ich betrachte das mehr als eine Einheit als nur eine Ansammlung von Songs.

Das ist ja im digitalen Zeitalter gar nicht so einfach, ein ganzes Album an den Mann zu bringen, häufig picken sich die Leute ja nur noch einig Songs raus.

Das war auch genau mein Gedanke dabei. Das ist eine große Gefahr bei der Generation Spotify. Ein Song und das wars. Deshalb war es mir von Anfang an wichtig, das Album als ein Ganzes zu sehen.

Hast Du bestimmte Themen, die dich besonders bewegen, wenn du schreibst?

Es sind die Höhen und Tiefen des Lebens und was mich bewegt. Ich versuche dabei besonders ehrlich zu sein. Allerdings versuche ich nie zu konkret zu werden, damit der Zuhörer eine Chance hat, die Songs für sich zu interpretieren. Wenn du einen Song hörst und er für dich genau so relevant ist wie für mich, habe ich mein Ziel erreicht.

Du hast gerade gesagt, Ehrlichkeit ist dir sehr wichtig. Ich finde deine Songs wirken sehr direkt und ehrlich, um nicht zu sagen entwaffnend. Wie schaffst du es, dass dieses Gefühl so gut rüberkommt?

Wenn ich Songtexte schreibe und sofort merke, dass bin gar nicht ich und dass da gar nichts von mir mitschwingt, funktioniert es nicht, die kann ich dann gleich wieder vergessen. Man muss ehrlich zu sich selbst sein, dann fühlt es sich auch ehrlich an. Oh Gott, ist das gerade philosophisch (lacht).

Wahrscheinlich kommt es daher auch, dass die Songs so eine Tiefe haben, die den Zuhörer emotional voll reinziehen.

Das ist wunderbar, dass du das sagst. Das ist genau das, was ich mit meiner Musik erreichen will. Wenn ich etwas emotional bei den Menschen auslösen kann, dann ist das großartig.

Die Ehrlichkeit kommt aber auch aus deinem Stil, denke ich. Es ist ja praktisch nur deine Stimme und deine Gitarre und nur ganz wenig andere Instrumentierung. Das macht es sicherlich auch so pur und direkt. Du versteckst nichts.

Absolut, ich versuche meine Musik immer so simpel wie möglich zu halten, ohne dabei einfältig zu werden. Mir geht es um den Kern des Songs, mir liegt es nicht, pompöses Zeug drum herum zu bauen. Ich mag diese Musik nicht, die sich tot produziert anfühlt und man das Herzstück gar nicht mehr erkennt.

Daraus entsteht bei dir aber auch eine besondere Intimität.

Ja, definitiv. Es ist auch Musik, die man eher bewusst hört und nicht nur so nebenbei. Dann entsteht auch diese besondere Atmosphäre, die du beschreibst.

Man hört ja momentan viele Singer/Songwriter Musik. Trotzdem hatte ich bei dir das Gefühl, es hört sich anders an. Vielleicht liegt das an der Art wie du Gitarre spielst, du nutzt sie ja fast wie ein Percussion Instrument.

Ja, ich wollte etwas Besonderes addieren. Daher habe ich die Art Gitarre zu spielen weiterentwickelt. Ich war eine Zeit in Spanien und habe dort Flamenco Gitarre gelernt. Damit habe ich mehr Dynamik in mein Gitarrenspiel gebracht und konnte mein Spektrum erweitern. Wie ich das erste Mal bewusst wahrgenommen habe, wie man im Flamenco die Gitarre auch als Percussion einsetzt, wusste ich sofort, wie ich das in meinen Songs umsetzen kann. Ich war sehr beeindruckt. Vorher habe ich mich immer irgendwie limitiert gefühlt.

Das hat also komplett deine Technik zu spielen geändert.

Ja total und dadurch hat es mir ganz neue Möglichkeiten gegeben zu spielen. Es gibt den Song „Lights Off“, den habe ich geschrieben bevor ich nach Spanien bin. Danach habe ich ihn aber ganz anders gespielt, obwohl die Struktur des Songs gleichgeblieben ist.

Ist die Gitarre für dich so etwas wie dein bester Freund?

Jaaaa, irgendwie schon. Ich habe sie immer bei mir. Meine Gitarre ist niemals weit von mir entfernt. Ich bin immer nur ganz wenige Tage ohne meine Gitarre. Manchmal braucht man auch eine kleine Pause von den besten Freunden, aber sie sind immer da, wenn man durch dick und dünn geht.  So ist das mit meiner Gitarre. Wenn man gut zu ihr ist, ist sie gut zu dir. Irgendwann will ich auch mal meine eigene Gitarre selbst bauen. Das steht recht weit oben auf meiner To Do  Liste.

Du scheinst aber auch andere gute Freunde im Business zu haben. Du hast neulich eine Session für Felix White von The Maccabees für sein neues Label Yala Records gespielt.

Ja wow, woher weißt du das? Wir sind gute Freunde und er hat mich eingeladen bei einer der Sessions zu spielen.

Du gibst ihm aber nicht Flamenco Gitarren Unterricht? Er hat auch so eine ganz spezielle Art zu spielen.

Du wirst es nicht glauben, doch, das mache ich. Er ist total interessiert an dieser Art zu spielen, da habe ich ihm ein paar Stunden gegeben. Er ist so virtuos auf der Gitarre und will ständig neues Zeug ausprobieren, da haben wir irgendwann zusammen angefangen zu üben. Vielleicht wird er ja ein bisschen was davon anwenden, wenn die Maccabees ihre Abschied-Shows spielen. Das war so eine Enttäuschung, wie sie ihre Trennung bekannt gegeben haben. Das wird bestimmt wahnsinnig emotional, wenn sie ihre letzten Konzerte spielen. Ich  werde mir das auf jeden Fall in London anschauen.

Vielleicht sehen wir uns ja dort. Ich gehe auch, an beiden Abenden. Das kann man sich nicht entgehen lassen. 

Da hast du völlig Recht. Cool, dann lass uns treffen, erste Reihe vor Felix Mikro.

Ok, machen wir. Aber vorher sehen wir dich ja auf deiner Tour. Du hast dir ganz besondere Orte ausgesucht wie Kirchen, Theater, Konzerthäuser.

Ich habe in den letzten Jahren viel live gespielt und hatte das Gefühl, dass diese Orte eine besonders gute Atmosphäre für meine Musik kreieren. Es ist ruhig, es gibt der Musik Raum. Es gibt mir und dem Publikum einen schönen Rahmen. Ich freue mich schon sehr auf diese besonderen Orte, es ist so magisch darin etwas zu kreieren.

Wenn du in Kirchen spielst, glaubst du auch, dass Musik etwas spirituelles hat?

Oh ja ganz bestimmt. Musik sollte immer eine Art von Emotion wecken. Ich finde das passiert auch in einer Kirche, sie setzen immer eine besondere Art von Emotion in Menschen frei. Menschen gehen dort hin, weil sie mit etwas aus der Vergangenheit abschließen wollen oder weil sie trauern oder auch um etwas zu feiern. Musik kann diese Gefühle unterstützen oder sogar verstärken. Das ist dann durchaus spirituell.

Du hast ja schon öfter in Deutschland gespielt, als Support von den Mighty Oaks und auch auf ein paar Festivals. Du gibst hier eine ganze Menge Konzerte. Magst du das Deutsche Publikum?

Ja, total. Ich habe hier immer das Gefühl, die Leute sind besonders aufmerksam. Sie wollen gut unterhalten werden und respektieren aber auch den Künstler dabei. Ich habe mich hier immer sehr wohl gefühlt.

Dann sehen wir uns erst mal in der Kirche und dann in London bei den Maccabees.

Hey, ja – wir haben ein Date (lacht).

 

 

Interview: Kate Rock
Fotos: James Leighton Burns

Das Interview ist auch erschienen auf FastForward Magazine

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